Zu den geistlichen Übungen (engl. spiritual disciplines) gehört es unter anderem, regelmäßig  zu beten, zu fasten, nächtliche Gebetswachen zu halten, sich vor Gott niederzuwerfen, durch das Wort Gottes erzogen und gezüchtigt zu werden, geistlichen Rat anzunehmen, Buße zu üben, sich selbst zu erforschen, die Gebote der Liebe und Vergebung zu befolgen, usw.

Wir wissen aus der Schrift, dass alle Gaben des Neuen Testaments, die den Gläubigen von Gott geschenkt werden, umsonst sind. Sie sind Akte der rettenden Gnade (Titus 2, 11). Diese Gnade ist vielfältig, wie wir in 1. Petrus 4, 10 und 1. Petrus 5, 10 lesen, und sie ist jederzeit verfügbar.

Allerdings müssen wir im Inneren unserer Seele einen geeigneten Platz für diese geschenkte und verfügbare Gnade vorbereiten. Andernfalls werden wir lediglich einen begrenzten Teil dieser reichen rettenden Gnade empfangen können. Mit anderen Worten: Wir werden dann auf der ersten Stufe der Gnade stehen bleiben und nicht in den unermesslich großen Reichtum hineinkommen, der uns in der Person Christi geschenkt ist (Epheser 3, 8). Dies führt dazu, dass wir in unserer geistlichen Gestalt und dem Maß unseres geistlichen Wachstums begrenzt bleiben.

Deshalb müssen wir hier eine wichtige Wahrheit hervorheben, nämlich: Geistliche Übungen werden nicht Gott dargebracht, etwa um Gnade zu erlangen. Denn Gnade wird geschenkt. Vielmehr sind die geistlichen Übungen auf die eigene Seele gerichtet, um diese darauf vorzubereiten, in zunehmendem Maße Gnade um Gnade zu empfangen (Johannes 1, 16). Sie sind ein Mittel, durch das der Heilige Geist nachhaltig und kraftvoll daran arbeitet, unsere Seele zu reinigen, zu heiligen und in das Bild Christi zu verwandeln.

Allerdings brauchen wir Verbindlichkeit und Kontinuität, damit diese geistlichen Übungen ein Lebensstil werden, der uns vor Erschlaffung und Schwankungen bewahrt und davor schützt, von den Fallstricken des Teufels und den betrügerischen Begierden der Welt gefangen und vereinnahmt zu werden (2. Timotheus 2, 26; Epheser 4, 22).

Wenn wir diesen geistlichen Übungen treu bleiben, stellen wir fest, dass unsere Seelen sich weiten und geheiligt werden. Unser Denken wird erneuert. Der Heilige Geist in uns fließt über und unsere Gefäße werden stets neu –und nicht bloß als punktuelle Erfahrung – mit dem Geist gefüllt. Dadurch werden wir zu Zeugen für Christus und die Herrlichkeit Seines Namens (Epheser 1, 6) und die Erlösung der Welt (Markus 16, 15).

Das Ziel eines Lebens als Christ ist die fortwährende und immer neue Füllung mit dem Heiligen Geist (Epheser 5, 18). Ohne sie sind wir nicht in der Lage, ein siegreiches Leben in der Welt zu leben oder unseren Mitmenschen zu dienen und ihnen ein Zeugnis zu sein. In der Apostelgeschichte lesen wir im Zusammenhang mit dem Dienst der Apostel von dieser fortwährenden Füllung. Wir lesen davon auch in den Schriften der Kirchenväter, und zwar sowohl der frühen Väter als auch derjenigen unserer Zeit, wie etwa dem Hl. Makarius (4. Jahrhundert) oder dem Hl. Seraphim von Sarow (18. – 19. Jahrhundert).

Deshalb müssen wir als Jünger Jesu die „Kunst der geistlichen Übungen“, wie die Kirchenväter es manchmal nennen, erlernen, um das letztendliche Ziel unseres Lebens als Christen zu erreichen: Unsere Errettung  zu bewirken (Philipper 2, 12) und für unsere Mitmenschen ein Zeugnis dieser Errettung zu sein.

Weitere Bibelstellen zu diesem Thema finden sich in 1. Korinther 9, 24 – 27; 2. Timotheus 2, 3 – 5; 1. Timotheus 1, 18; 1. Timotheus 6, 12.